Kunst auf Selikum

AUSBLICK:
24. Februar 2012 - Alexander Brenner, Architekt - Villenbauer

RÜCKBLICK:

14. Januar 2012 - Wilhelm Genazino
Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, wird uns im kommenden Jahr zum dritten Mal für eine Lesung besuchen. Er gehört neben Eckhard Henscheid und Robert Gernhardt zum "Frankfurter-Triumvirat", das den deutschen Humor auf Weltniveau gehoben hat und die Literatur gleich mit. Sie haben die gute Laune in das Schreiben zurückgebracht, die Klarheit, die Weisheit und die genaue Weltwahrnehmung.
Wilhelm Genazino beschloss sehr früh, ernsthaft Schriftsteller zu werden. Mit 16 schrieb er erste Erzählungen und mit 22 seinen ersten Roman Laslinstraße (1965), der zwar geduckt, aber praktisch nicht beachtet wurde. Sein Geld verdiente er als Journalist und Humorproduzent, bis ihn die Abschaffel-Trilogie (1977-1979) bekannt machte und ihm als Künstler Anerkennung verschaffte.Seit einer Empfehlung in der TV-Runde "Das Literarische Quartett" 2001 haben sich auch die Verkaufszahlen seiner eher stillen Romane und Prosabücher bestens entwickelt.
Der Reiz der Genazino-Prosa liegt dabei nicht im Stofflichen: Auf Handlung und Dramatik hat er bisher gut verzichten können, da es ihm immer schon mehr auf die kleinen Beobachtungen angekommen ist.
Wilhelm Genazino hat sich in seinen Beobachtungs- und Beschreibungskunstwerken weiter und weiter verfeinert und sich schließlich sogar zu Büchner-Preis-Ehren emporgeschrieben. Er wird einfach immer besser. (Weidermann, Volker Lichtjahre 2006/Hage, Volker Letzte Tänze, erste Schritte 2007)

Wilhelm Genazino bei der Lektüre

3. Dezember 2011 - Henning Ritter
Henning Ritter, der 1943 geborene Sohn des Philosophen Joachim Ritter, war bereits im Januar bei uns zu Gast und hat aus seinen Notizheften gelesen, dem überraschenden Ereignis des Bücherherbstes 2010.
"Von wenigen Dingen kann man sagen, was man über die Wolken sagen kann: Ihre Formationen können nicht verbessert, verschönert, veredelt werden. Sie sind auf beneidenswerte Weise, was und wie sie sind. Verbesserungsvorschlägen sind sie nicht zugänglich. So sind die Wolken in jedem Augenblick vollkommen. Ritters Notizen gehören zu jenen wenigen wolkenähnlichen Dingen. Womöglich versuchen manche Leser in einigen hundert Jahren, anhand dieser Notizen unsere und ihre Zeit zu verstehen. Dereinst wird man die Notizhefte als Klassiker lesen, als Hausbuch der gebildeten Stände: Dieser optimistischen Prophezeiung allerdings dürfte der skeptische Henning Ritter kaum erliegen. Wir aber geben uns ihr mit guten Gründen gerne hin." (Zeit online)

6. November 2011 - Hanns Grössel

Norbert Wehr bei seiner Einführung in das Gespräch mit Hanns Grössel

Tomas Tranströmer, Dichter aus Schweden
Hanns Grössel, sein deutscher Übersetzer, sprach über den neuen Literaturnobelpreisträger
Moderiert von Norbert Wehr
Tranströmer hat eine diebstahlsichere Fähigkeit, unerwartete Räume zu schaffen - stille Explosionen aus Freude und Trauer, Nischen für Verwunderung und Zuversicht. (Aris Fioretos)
Die Lyrik von Tomas Tranströmer, übersetzt in fünfzig Sprachen, hat weltweit großen Einfluß auf andere Dichter ausgeübt - besonders aber in Deutschland.
Dieser Einfluß ist zwei großen Übersetzern zu verdanken: Nelly Sachs, selbst Literaturnobelpreisträgerin, die Tranströmer bereits 1965 mit ersten Übersetzungen vorstellte. Und Hanns Grössel, der das Werk seitdem übertragen hat.
Hanns Grössel, geb. 1932 in Leipzig, 1939 Umzug nach Kopenhagen und dort aufgewachsen, lebt in Köln. Er ist Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung, übersetzt aus dem Dänischen, Schwedischen und Französischen und wurde mit den renommiertesten Übersetzerpreisen ausgezeichnet. Er hat u.a. die Gesamtwerke von Inger Christensen und Tomas Tranströmer übertragen.

Am 10. September 2011 war Philipp Blom bei uns zu Gast und hat aus seinem Buch Böse Philosophen gelesen.

Mit seiner brillanten Erzähltechnik hat Philipp Blom das Leben und die Lehre der Pariser Salons beschrieben und uns so in die Welt der Intellektuellen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts versetzt.
Philipp Blom, der in Wien und Oxford studiert hat, in London und Paris gearbeitet hat und in Wien lebt, ist Jahrgang 1970. In der Vergangenheit setzte er sich mit historischen Themen, der Ideengeschichte und der Geschichte von Mentalitäten auseinander. Viel beachtet war sein Buch Sammelwunder, Sammelwahn, das die Geschichte der Sammelkultur seit der Renaissance beschreibt. Bei uns hat er aus seinem aktuellen Buch Böse Philosophen gelesen, das in sämtlichen Feuilletons lobende Anerkennung gefunden hat. Hierin beschreibt er die Salons in Paris, die Literaten und Intellektuellen den Schutz eines wohlhabenden Privathauses boten und dessen Gastgeber, die sich ihre Gäste aussuchen konnten. Dazu bedeuteten die Salons ein hohes Maß an Diskretion, um frei und mehr oder minder aufrichtig mit anderen Gästen zu sprechen und die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen. Schon immer benötigten Ideen den Austausch, dass heißt die Diskussion. Zu der Zeit der Salons war es wie ein Selbstmord, offen seine Meinung zu äußern, an allen Orten wimmelte es von Polizeispitzeln. Ein Denken zu unterstützen, dass insbesondere die Religion hinter sich lässt, bedeutete nicht nur Mut, sondern auch die Orte an denen man sich austauschen konnte. So standen die Salons, die regelmäßig stattfanden, nicht nur als Orte für stimulierende Unterhaltungen, sondern auch für anregende Tischgespräche bei mächtigen Mahlzeiten von ausgezeichneten Köchen. Das überaus fesselnde Buch Böse Philosophen beschäftigt sich mit dem Salon des Barons d’Holbach, bei dem sich regelmäßig die besten Köpfe Europas trafen.


Literatur - Fotografie

In diesem Jahr beginnen wir unsere Veranstaltungen am Moltkeplatz mit Henning Ritter und Timm Rautert.
Am 12.01.2011 liest Henning Ritter aus seinen Notizheften. Timm Rautert zeigt aus seinem neuen Werkzyklus TEXT die Arbeit New York, May 11 2006...

Henning Ritter und Timm Rautert im Gespräch

Henning Ritter verantwortete von 1985 bis 2008 das Ressort „Geisteswissenschaften“ bei der FAZ. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen, wie zuletzt Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid. (2004) und Die Eroberer, Denker des 20. Jahrhunderts (2008) sowie als Herausgeber Jean-Jacques Rousseaus Schriften und Montesquieus Meine Gedanken.

Timm Rautert war von 1993 bis 2008 Professor für künstlerische Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. 2008 erhielt er als erster Fotograf den Lovis-Corinth-Preis für sein Lebenswerk. „... seine Bildreportagen sind Glanzlichter, die zum ästhetischen Kanon der Bundesrepublik gehören.“ FAZ

Das Kulturhauptstadt Jahr Ruhr 2010 ist vorüber. Es ist uns eine Freude im Jahr 2011 fortzufahren und Sie zu unserer ersten Veranstaltung im neuen Jahr, am 12.01.2011 um 19:30 Uhr, sehr herzlich einzuladen.


Paul Nizon am 20.06.2010 in Essen

Lothar Pues, Paul Nizon und Timm Rautert

Der deutschsprachige Wahlpariser mit schweizer Pass gehört in Frankreich zu den ganz großen Sprachkünstlern. Sein jüngstes Prosawerk Das Fell der Forelle ist von den Kritikern mit Begeisterung aufgenommen worden. Christiane und Lothar Pues haben gemeinsam mit Timm Rautert den jetzt 80jährigen Autor zu einer ungewöhnlichen und einmaligen Lesung nach Essen eingeladen.

Das kauzig komische Alterswerk handelt von Leben und Einsamkeit, von Glück und Unglück anhand der Geschichte eines Mannes namens Stolp, der sich in Paris in der geerbten Tantenwohnung wiederfindet, dort aber nicht ankommen kann, grenzgängerische Selbstgespräche führt und am Ende ins Nirgendwo entgleitet.

Der Generation von Günther Grass und Martin Walser angehörend, steht Nizon heute da als der ungewöhnlichste und unangepassteste Einzelgänger, der nie einer Bewegung angehörte, konsequent seinen Weg ging und dessen Bedeutung für die nicht nur deutsprachige Weltliteratur unangetastet ist.

Da sich seine Literatur vor allem über den Sound und die Musikalität der Sprache, also über das Ohr erschließt und weil Nizon ein begnadeter Leser seiner subtilen Texte ist, ist es uns eine besondere Ehre, seinem Wunsch nach einer Lesung des ganzen, 124seitigen Romans nachzukommen. Ihn dabei zu erleben, wie er beim Lesen den Roman quasi neu erfindet und ihm Nuancen und Raffinessen entlockt, die sich einem beim stillen Lesen nicht erschließen, ist eine Bereicherung und ein einmaliges Erlebnis der ganz besonderen Art. Ein Ereignis, das man nicht vergessen wird.

Noch nie zuvor hat Nizon sich einem solchen, sicherlich unterhaltsamen Marathon unterzogen. Umso mehr freuen wir uns, ihn in Essen begrüßen zu dürfen. Diese Lesung könnte Geschichte machen.


Kunst ist käuflich - freie Sicht auf den Kunstmarkt
Am 16. März 2010 um 19.30 Uhr kommt Dirk Boll zu uns nach Essen

Dirk Boll bei seinem Vortrag bei uns am Moltkeplatz

Dr. Dirk Boll, 1970, Kunstmarktexperte mit langjährigen Auktionserfahrungen, hat in Göttingen und Freiburg Rechtswissenschaften studiert und promovierte nach einem Aufbaustudium in „Art Management“. Seine Dissertation stellt die Grundlage für das von Ihm, als Buchautor bei Rüffer & Rub, veröffentliche Buch Kunst ist käuflich – Freie Sicht auf den Kunstmarkt dar. Die über Jahre erarbeitete Betrachtung des Kunstmarktes aus verschiedensten Blickwinkeln ist fundiert, sehr anregend und meidet trendige Thesen. Er begann seine Karriere bei Christie’s in London 1998. Seit 2005 ist er Geschäftsführer für die Deutschschweiz sowie European Director Christie’s International.

Gemeinsam mit Timm Rautert laden wir herzlich zu seinem Vortrag ein.


2. Dezember 2009 Lesung mit Luc Bondy

Luc Bondy liest aus seinem aktuellen Buch Am Fenster

Luc Bondy ist nicht nur der berühmte Theaterregisseur, dessen Neuinszenierung von Puccinis Tosca an der New Yorker Metropolitan Opera die Opernwelt in Aufruhr versetzt hat. Er ist auch Autor. Vor vier Jahren veröffentlichte Luc Bondy eine autobiographische Textsammlung Meine Dibbuks mit dem Untertitel Verbesserte Träume. In diesem Jahr ist das Buch Am Fenster erschienen mit der Genrebezeichnung "Roman". Ein Roman? Obwohl seine Figuren da und dort Ähnlichkeit mit realen Personen aufweisen, setzt sich das Buch aus Fiktion zusammen. Der Reichtum an Storys, an Tragödien und Komödien, sättigt sich andessen aus konkreter Erfahrung, aus dem Nachdenken über Menschen und ihrer Schicksale, aus dem Erfüllen dessen, was davon schwer zu rekonstruieren ist: „In Erzählung lebt es sich am besten, es sticht nicht so wie die Gegenwart“, wobei solche Stiche sich auflösen in eine „allmächtige Gefühllosigkeit“. Das Ende der Existenz, den Moment des Todes, versucht sich der vergessliche, seinen physischen und mentalen Zerfall mit schwarzem Humor konstatierende Erzähler bildhaft vorzustellen, „bis ins Letzte“. Grundsätzlich fragt er sich: „Wer war ich? War ich? Sind wir?“ und hascht nach dem, was einst passierte, „wie nach Schmetterlingen“. Luc Bondy bleibt bis 2013 Leiter der Wiener Festwochen, obwohl er insbesondere auf den deutschen Theaterbetrieb nicht gut zu sprechen ist. Er, dem es so wichtig ist das wir unser Dasein durch Dekonstruktion und Rekonstruktion, durch das Erzählen von Geschichten begreifen lernen. Luc Bondy sagt in einem Interview „Ich bin jetzt 61 und kann, glaube ich, ganz gut schreiben.“ Wir stimmen ihm natürlich zu und freuen uns am 2. Dezember auf die Lesung.


Wilhelm Genazino war am 19. Mai 2009 für eine Lesung/ein Gespräch bei uns zu Gast in Essen

Wilhelm Genazino liest aus seinem neusten Buch Das Glück in glücksfernen Zeiten

Wilhelm Genazino gilt als der große, stille Chronist der Bundesrepublik. Seine Bücher umschwebt eine Melancholie, dennoch sind sie hoch komisch. Lange galt er als Geheimtipp, bis er in den letzten Jahren alle großen Auszeichnungen bekam. So erhielt er 2004 den Georg-Büchner-Preis, einer der wichtigsten literarischen Auszeichnungen, 2007 wurde er dann mit dem Kleist-Preis geehrt.

Er ist 1943 in Mannheim geboren, studierte dort Germanistik, Philosophie und Soziologie. Danach arbeitete er als freier Journalist und Redakteur. Bis 1971 schrieb er für das Satire Magazin Pardon. Seine Bücher zeichnen sich aus durch eine genaue, ungekünstelte Sprache und eine messerscharfe Wahrnehmung. Die Protagonisten seiner heutigen Romane, so formuliert es der Autor selbst „wissen, wie schwierig es ist, unabhängig zu sein – das heißt auch unabhängig zu fühlen und zu denken- aber sie versuchen es trotzdem mit einigem Erfolg“. Sie seien „Individualisten wider Willen“.


Am 29. August 2008 war der in Paris lebende Paul Nizon zu einer Lesung auf Gut Selikum

Wir freuen uns, dass Paul Nizon nach fast zwei Jahren wieder bei uns zu Gast ist

Paul Nizon schreibt in Paris im Dezember 1990 in sein Journal: „Ich habe, glaube ich, meine Bücher alle nach musikalischen Prinzipien verfasst, überhaupt habe ich beim Schreiben wohl immer musikalische Strukturen und Ausdrucksweisen im Ohr. Ich arbeite in aller Unschuld, ohne daran zu denken, mit Tonarten, Tempi, Tempiwechseln, mit Auftakten, Ober- und Untertönen, mit Stimmern, Haupt- und Nebenstimmen, Stimmen die sich verflechten, mit Begleitmusik und Orchestrierung, mit Phänomen laut und leise – piano bis fortissimo – und mit Pausen. Ich komponiere meine Texte nach dem Muster klassischer Kompositionen in drei oder vier Sätzen wie Sonaten oder Orchesterstücke. Doch gibt es auch Passagen, die dem klanglich und rhytmischen Bildern des Jazz gehorchen, und ausserdem gibt es Anspielungen auf volkstümliche Weisen und warum nicht auf Gassenhauer. Ich arbeite nicht nur mit Musik, sondern auch mit Geräuschen, Geräuscheffekten; ich bilde mir ein, das kann bis zum Kreischen und bis zur Kakaphonie gehen.

Ich schreibe eine rhytmisch skandierte tönende Prosa, das Rhytmische kann bis zur Atemlosigkeit akzelirieren, doch auch bis unhörbare leise werden und hörbar verstummen. Ich will damit betonen, dass ich meine Sprache beim Schreiben höre und oftmals voraushöre: Es kommt vor, dass ich ganze Passagen eines entstehenden Buches in seiner rhytmischen Kadenz und Klangmaske oder Klangfärbung im Gefühl und Gespür habe, noch ehe ich um den Inhalt und Sinn des kommenden Textes weiß. Das wäre in solchem Fall die Ankündigung eines literarischen Produkts als Klangkörper; der Klangkörper verrät mir Physiognomie und Charakter in seinem „blinden“ noch unsichtbaren, jedoch hörbaren Stadium. Die Sprache würde, so gesehen, bei mir aus einem musikalischen Kokon ausschlüpfen.

Überhaupt kann ich mich von der musikalischen Strömung des Sprachflusses dahintragen lassen. Ich schreibe eine Ohrensprache, ich intrumentiere beim Schreiben, meine Sprache ist mein Instrument, ich lege die Finger auf die Tastatur meiner Schreibmaschine wie der Pianist die Finger auf die Tasten des Pianos legt, ich schlisse die Augen und beginne zu spielen, das heißt ich schlage einen Akkord an, ich stelle mich auf einen Takt ein, ich beginne mich einzuspielen, und auf einmal schlüpft ein bestimmtes musikalisches Motiv oder Thema aus diesem Improviseren aus und wird zur Melodie und nimmt mich mit. Stimmt das?

So ist das, behaupte ich, wenn es natürlich nicht alles ist. Es ist jedoch ein wichtiger Aspekt meines Schreibens. Mir selber war das Musikalische meiner Prosa von Anfang an insofern bewusst, dass ich meine Bücher am liebsten als Tonkassetten distribuiert hätte, wenigstens dachte ich daran, dem gedruckten Buch eine Kassette beizulegen, ich stelle mir vor, meine Bücher würden sich am besten über die Hörwege ins Bewusstsein des Lesers Einlaß verschaffen, doch davon konnte in den sechziger Jahren natürlich noch keine Rede sein.

Warum das musikalische Verfahren in meiner Arbeit eine so wichtige Rolle spielt? Ich denke, die musikalische Struktur meiner Prosa nicht einfach nur als Organisationsprinzip, sondern als konstituierendes Element und als Motor des Textes hat bei mir mit dem schöpferischen Prozeß und mit einer ganz bestimmten künstlerischen Haltung zu tun. Ich gehe beim Schreiben nie von einer konstruierten Geschichte, nicht von handelnden Personen, die miteinander in Dialog trete, aus; nicht von Anekdoten und Handlungen, nicht von einer Bühnenillusion – ich gehe immer vom ICH aus. Ich könnte, überspitzt ausgedrückt, behaupten, in meinen Büchern sei die vordergründige Ebene der Realität, sie die Bühne die der Leser zuerst antrifft, diejenige einer One-Man-Show. Da sitzt einer beim Schreiben vor seiner Maschine und beginnt zu spielen. Das ist die Ausgangslage, das ist der Beginn.

Der Beginn ist ohne Plan und ohne bestimmtes Wissen und Vorhaben. Ein Mensch, der anfängt zu sprechen oder zu murmeln und der sich im Grunde bekennen, dass heißt seiner Existenz und des Lebens vergewissern möchte. Er fängt irgendwo an und nimmt sich und den Leser auf die Reise mit. Die Reise führt durch die Gegenwart und Erinnerung und vielleicht auch ins Utopische, sie führt durch Unwetter und Ängste ebenso wie durch den Traum, sie staut sich an Reflexionen und ergießt sich an in Emotionen, sie sucht nach dem Glück und durchquert die Einsamkeit, und dabei entsteht das Seismogramm einer heutigen Existenz und, wenn wir Glück haben, der Reichtum des Lebens, ja, und hoffentlich auch Schönheit und Glanz. Ich verwandel mich beim Schreiben in ein Instrument, ich schreibe, wenn es gut geht, instrumental, wenn nicht medial. Und dabei höre ich mir zu: Instrument und Instrumentalist in einer Person.

Stimmt das? Und wenn ja, woher stammt diese Auffassung eines vagabundierenden und intonierenden Schreibens?

Sie stammt aus dem Adoleszentenalter. Damals wurde ich für die Aussenwelt vorübergehend gewissermassen blind, weil ich von der eigenen Innerlichkeit völlig absorbiert war. Ich war ganz im Banne der inneren Seelenzustände, auf eine gefährliche Weise ein Gefangener meiner selbst; ich sass im Konzertsaal oder in der Oper meiner eigenen Aufführungen und lauschte dem Geschehen und hörte der Seelenmusik zu, auf geradezu krankhafte Weise.


Wilhelm Genazino liest am 20. Juni 2008 auf Gut Selikum

Lothar Pues begrüsst Wilhelm Genazino


Am 15. Oktober 2007 ist Durs Grünbein zu einer Lesung/einem Gespräch bei uns zu Gast auf Gut Selikum

Durs Grünbein bei seiner Eröffnungsrede

„Durs Grünbein ist einer der sich im Kreis bildender Künstler ebenso beheimatet fühlt wie unter lebenden Dichtern und Schriftstellern. Durs Grünbein, der unersättlich Wissbegierige, der sich durch die Bibliotheken der Naturwissenschaftler mit gleicher Selbstverständlichkeit und Akribie wie durch internationale Museen und Lesesäle der Dichter und Literaten seit deren Anfängen bewegt, ist alles, was er da mit Augen und Ohren einsammelt, ein immer noch weiterströmender, ihn verlebendigender Bewußtseinsstoff, der die Existenz in Hochspannung, gar Alarmbereitschaft und Aufmerksamkeit versetzt; und zudem willkommenes Anschauungsmaterial, das er befragt, inwieweit es so etwas wie ein „gemeinsames Weltall der Phänomene“ gibt. Es ist, als kämpfe er wie der „absurde Mensch“ gegen die Windmühlen der Zeit, um in ihr so viel wie möglich über das sich in der Welt vervielfältigende Ich zu erfahren.

Fürwahr, er ist nicht nur ein dichtender Forscher im endlosen Meer der Phänomene, sondern auch ein passionierter Entdeckungsreisender, der sich mit seiner Wortzeit-Maschine Wege durch die Labyrinthe anderer Bewußtseinskontinente bahnt und dabei immer auf sich selbst zurückgeworfen wird. Seine Vorliebe für gleitende Übergänge zwischen den drei Zeitdimensionen, zwischen Körper und Sprache, zwischen Kunst, Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften rührt wohl daher, dass er verloren gegangene Zusammenhänge stiften will. Zudem will er die auseinanderklaffenden Bereiche wieder zusammenfügen. Durs Grünbein versucht, die zwischen der dichterischen Imagination und naturwissenschaftlichen Abstraktion errichtet Mauer wenn nicht einzureißen, so doch aber löchriger zu machen. Und der wagt den Sehsprung als Schriftsteller per Dialog auf die andere Seite – die Kunst. Allerdings nicht, ohne die feinen Unterschiede zu bedenken, die ihn, schlendernd durch Gemäldesammlungen, beinah neidisch auf die andere, ja direktere Präsenz von Malerei werden lassen. Zu gut kennt er den uneinholbaren Vorsprung, den Bilder vor Wörtern haben, und weiß aber auch, was hingegen die Worte, seine ewigen Begleiter, gegenüber Bildern leisten.“

So schreibt Heinz-Norbert Jocks in seinem Buch Dialog das bei DuMont erschienen ist.


Lesung mit Paul Wellershoff am 24. März 2006 auf Gut Selikum

Gastgeber Lothar Pues begrüßt Dieter Wellershoff

Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren, schrieb Romane, Erzählungen, Essays, Drehbücher und Hörspiele. 1988 erhielt dieser "Meisterrealist vertrauter Umstände" (Die Zeit) den Heinrich-Böll-Preis, den Friedrich-Hölderlin-Preis und den Joseph-Breitbach-Preis. Dieter Wellershoff lebt in Köln.